UNIVERSITÄTSKLINIKUM DER FREIEN UND DER HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
ZENTRUM FÜR HUMAN- UND GESUNDHEITSWISSENSCHAFTEN DER BERLINER HOCHSCHULMEDIZIN
– INSTITUT FÜR SEXUALWISSENSCHAFT UND SEXUALMEDIZIN –
Stellungnahme zur „Onlinepetition
gegen Kinderpornographie und
sexuellen Kindesmissbrauch“.
Vorbeugung von sexuellem Kindesmissbrauch -
Therapeutische Prävention für potentielle Täter
Bisherige Maßnahmen zur Vorbeugung von sexuellem Kindesmissbrauch bestehen
im Wesentlichen aus pädagogischen Präventionskampagnen für potentielle
Opfer (Kinder), Erzieher und Eltern. Wissenschaftlich fundierte Konzepte
zu präventiven Therapiemöglichkeiten für potentielle Täter (überwiegend
Männer) fehlen bis dato weitgehend. Zur Vorbeugung von sexuellen Übergriffen
auf Kinder muss es daher neben den pädagogischen Präventionsmaßnahmen für
potentielle Opfer auch ein Ziel sein, therapeutische Präventionsmaßnahmen für
potentielle Täter zu etablieren, die wirksam werden, bevor es zu sexuellen
Übergriffen kommt.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch
im Dunkelfeld“ an, das derzeit am Institut für Sexualwissenschaft
und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité in
Berlin unter der Leitung von Professor Dr. med. Dr. phil. Klaus Michael Beier
durchgeführt wird.
Die Versorgungslücke
Sowohl aus der klinischen Arbeit mit Patienten in der Sexualmedizinischen
Ambulanz der Charité Berlin als auch aus einer aktuellen epidemiologischen
Untersuchung (Berliner Männer-Studie II) ist bekannt, dass viele Männer auf
Kinder gerichtete sexuelle Phantasien bekunden.
Ebenso zeigen die Forschungsergebnisse und die Erfahrungen aus der
sexualmedizinischen Praxis, dass ein Teil dieser Männer ein Problembewusstsein
bezüglich dieser sexuellen Impulse besitzt und aus diesem Grund therapeutische
Hilfe wünscht.
Eine Behandlung ist das eigene Anliegen dieser Männer, weil sie keine sexuellen
Übergriffe auf Kinder (mehr) begehen wollen, und das, obwohl sie (noch) nicht
unter dem Druck von Strafverfolgungsbehörden stehen. Diese Männer suchen
von sich aus - also nicht durch äußere Umstände motiviert - therapeutische
Hilfe, wissen aber nicht, wohin sie sich diesbezüglich wenden können, weil es
keine institutionellen Anlauf- und Beratungsstellen gibt, die ihnen vor allem auch
therapeutisch dabei helfen könnten, keine sexuellen Handlungen mit Kindern zu
begehen.
Weil in Deutschland die Diagnostik und Behandlung sexueller Störungen weder
Gegenstand irgend einer Facharzt- bzw. Fachtherapeuten-Ausbildung, noch
Gegenstand des Leistungskataloges der Krankenkassen ist, existieren so gut wie
keine qualifizierten Therapieangebote für Personen mit sexuellen Präferenz- und
Verhaltensstörungen sowohl im stationären, als auch im ambulanten Bereich.
(>> Was keiner lernt und was keiner bezahlt bekommt, das bietet auch keiner an – schon gar
nicht, wenn die Problematik mit potentieller Fremdgefährdung verbunden ist <<).
Hilfesuchende Betroffene verfügen daher in der Regel über eine lange Geschichte
vergeblicher Versuche, qualifizierte therapeutische Hilfe zu erhalten.
Auf diese sicherheitspolitisch relevante Versorgungslücke im deutschen Gesundheitssystem
wurden von Seiten des Instituts für Sexualmedizin der Berliner
Charité seit dem Jahre 2000 alle organisatorisch und politisch verantwortlichen
Institutionen wiederholt aufmerksam gemacht bzw. hingewiesen, ohne dass von
irgend einer Seite eine Zuständigkeitsbekundung oder gar eine Verantwortungsübernahme
erfolgt wäre.
Die Entstehung
Die einzige Möglichkeit, therapeutische Prävention für potentielle Täter zur
Vorbeugung sexueller Übergriffe auf Kinder anbieten und begleitend beforschen
zu können, bestand folglich darin, das Ganze im Rahmen eines wissenschaftlichen
Forschungsprojektes zur Evaluation spezieller, therapeutischer
Interventionen durchzuführen.
Nachdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Förderung des
wissenschaftlichen Forschungsprojektes und die Opferhilfsorganisation Weißer
Ring die Unterstützung einer Medienkampagne abgelehnt hatten, ermöglichte
schließlich die VolkswagenStiftung (www.volkswagenstiftung.de) in ihrer Rubrik
„Offen für Außergewöhnliches“ die Finanzierung des wissenschaftlichen
Forschungsvorhabens. Unterstützt wurde das Präventionsprojekt nun von der
Opferschutzorganisation Stiftung Hänsel+Gretel (www.haensel-gretel.de) sowie
vom Universitätsklinikum Charité Berlin (www.charite.de). Die Konzeption,
Gestaltung und Durchführung der Medienkampagne wurde durch die großzügige
Unterstützung der Werbeagentur Scholz & Friends Hamburg gewährleistet; die
Öffentlichkeitsarbeit übernahm dankenswerter Weise die PR-Agentur Scholz &
Friends Agenda Berlin (www.s-f.com).
Das bedeutet, dass zur Verwirklichung dieses weltweit ersten, primärpräventiven
Therapieansatzes für potentielle Täter zur Vorbeugung sexueller Übergriffe auf
Kinder keinerlei öffentliche Mittel von Bund, Land oder Kommune zur Verfügung
gestellt wurden und bis dato auch nicht zur Verfügung stehen.
Die Realisation des Projektes wurde allein durch eine Kombination von
Forschungsförderungsmitteln der Volkswagenstiftung und die Gewährleistung
der durchführungsnotwendigen Medienkampagne und Öffentlichkeitsarbeit
seitens der Stiftung Hänsel+Gretel sowie der Werbe- und PR-Agentur Scholz &
Friends ermöglicht.
Das Volumen der pro-bono geleisteten Unterstützung dieser beiden Partner in
Form des Dienstleistungs- und Medienwertes erreichte damit eine annähernd
gleiche Größenordnung, wie die Forschungsförderung des wissenschaftlichen
Projektes durch die Volkswagenstiftung (+/- 500.000,- Euro).
Die Projektziele
Das gesundheitswissenschaftliche Ziel des Projektes besteht darin, zu zeigen,
dass es zuverlässige Diagnostik und wirksame Behandlung bei sexuellen
Präferenz- und Verhaltensstörungen gibt, wenn Diagnostik und Therapie sachverständig
durchgeführt werden. Hierzu sollen auch verschiedene, bei (Hellfeld-)
Sexualstraftätern bereits etablierte Behandlungsmethoden hinsichtlich ihrer
Wirksamkeit zur Prävention bei (potentiellen und realen) Dunkelfeld-Tätern
untersucht werden. Außerdem soll die Effizienz eines standardisierten Therapieprogramms
sowohl im Gruppen-, als auch im Einzel-Setting miteinander
verglichen werden.
Ein gesellschaftspolitisches Ziel des Präventionsprojektes ist es, darauf hinzuweisen,
dass es Männer gibt, die auf Kinder gerichtete sexuelle Impulse
verspüren und aus diesem Grund von sich aus und ohne rechtlichen Druck
therapeutische Hilfe wollen, um keine sexuellen Übergriffe auf Kinder (mehr) zu
begehen. Dabei soll auch darüber aufgeklärt werden, dass Pädophilie keine
Straftat ist, sondern eine Ausprägungsform sexueller Präferenz, die keine
Wahlentscheidung darstellt, sondern viel mehr Schicksal. Strafrechtlich relevant
ist allein sexueller Kindesmissbrauch. Einen Menschen für seine Wesensart zu
bestrafen, ist Diskriminierung - bestraft werden darf allein unrechtmäßiges
Verhalten. Das spiegelt sich auch in dem Motto des Projektes „Damit aus
Fantasien keine Taten werden!“. Die Teilnehmer des Behandlungsprogramms
lernen, dass sie an ihren sexuellen Impulsen nicht schuld sind, aber dass sie für
ihr sexuelles Verhalten verantwortlich sind.
Das übergeordnete Ziel des Projektes ist damit die Senkung der Häufigkeit
sexueller Übergriffe auf Kinder durch Etablierung qualifizierter, präventiver,
ambulanter Therapieangebote für (potentielle und reale) Dunkelfeld-Täter und
die Reduktion von Schwellenängsten der Betroffenen, diesbezügliche Behandlungsmöglichkeiten
in Anspruch zu nehmen.
Des Weiteren soll im Rahmen des hier vorgestellten Präventionsprojektes
verdeutlicht werden, dass vorbeugende Behandlungsangebote für potentielle und
/ oder reale Dunkelfeld-Täter eine wichtige Form von Kinderschutz darstellen.
Pädagogische Prävention für potentielle Opfer und therapeutische Prävention für
potentielle Täter sind zwei Seiten der selben Medaille. Therapeutische Primärprävention
für potentielle Täter ist damit eine der aktivsten, effektivsten und
ursachenorientiertesten Formen des Kinderschutzes.
Wir bedanken uns für Ihr Interesse an unserm Präventionsprojekt, wünschen
Ihnen viel Erfolg mit Ihrer Initiative gegen Kinderpornographie und sexuellen
Kindesmissbrauch,
und verbleiben,
mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. med. Dr. phil. K. M. Beier
Adresse:
Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin
Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften
Universitätsklinikum Charité Campus Mitte
Freie und Humboldt-Universität zu Berlin
Direktor: Prof. Dr. med. Dr. phil. K. M. Beier
Luisenstraße 57, D-10117 Berlin-Mitte
Website: www.sexualmedizin-charite.de
E-Mail: sexualmedizin@charite.de
Telefon: + 49 30 450 529 302
Telefax: + 49 30 450 529 992
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