Mein Name ist Sigrid Erbe. Meine Tochter Susanne wurde am 19.6.2003 in Mannheim ermordet. Sie war 16 Jahre alt, als sie starb.
Die Schlagzeilen über Gewalt im Zusammenhang mit Kindern häufen sich. Die Bevölkerung ist teilweise uninformiert, machtlos. Viele fragen sich: Was kann man tun? Im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich habe an härtere Strafmaßnahmen und Gesetze, sogar an die Todesstrafe gedacht. Ich kam zu dem Ergebnis: Unserer Gesetze sind ausreichend, sie sollten jedoch konsequenter angewendet bzw. .ausgeschöpft werden. Damit begegnen wir der Wirkung, Wirkung ist die vollbrachte Straftat, die Strafe. Aber wie können wir Straftaten verhindern? Dazu müssen wir an die Ursache gehen. Wie werden Kinder zu Opfern und zu Tätern? Wir haben eine steigende Gewalttätigkeit unter Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen, steigender Drogenmissbrauch, Eigentumsdelikte, Mobbing, Mord. Auch Kinderpornographie ist bei uns ein großes Thema, dem sich niemand entziehen kann und darf. Kindesmissbrauch in der Familie oder außerhalb darf kein Tabuthema sein.
Schon lange beschäftige ich mich mit dieser Thematik. Als Mutter von zwei Kindern musste ich selbst erleben, wie ein Kind leidet, wenn sich ein pädophil veranlagter Mensch an ein Kind ranmacht. Den vollendeten Missbrauch konnte ich nur verhindern, weil mein Kind aufgeklärt und ich über Missbrauch informiert war. Ihr Täter wurde zu 9 Monaten Haft verurteilt, die Strafe wurde auf 3 Jahre zur Bewährung ausgesetzt.
Schon da wurde aus meinem theoretischen Wissen Realität. Ich beschäftigte mich weiterhin mit diesen Themen, auch mit Täter-Opferbeziehung, darüber hinaus mit Ursache und Wirkung. Auch da wurde aus meinem theoretischen Wissen Realität, mein Kind wurde ermordet, von einem vorbestraften 24jährigen Drogenkonsumenten, der nie gelernt hatte, mit seiner Sexualität und seinen Konflikten umzugehen bzw. zu lösen. Auch in seinem Elternhaus, in seiner Kindheit/Jugend wurde ihm das weder beigebracht noch vorgelebt.
Meine Tochter würde noch leben, wenn ihr Mörder in seiner Kindheit gelernt hätte, Achtung vor Leben zu haben, mit Konflikten umzugehen, wenn er einen Ansprechpartner oder die Möglichkeit zum Reden gehabt hätte. Daran darf und kann nicht vorbeigegangen werden.
Es ist für mich keine Frage, dass man einen Mörder oder Kinderschänder auf das Härteste bestrafen muss, denn der Schutz unserer Kinder geht vor. Es bleibt die Frage: Wie können wir unsere Kinder schützen?
Sehr oft werden aus Opfern Täter, Kinder zu erwachsenen Straftätern, weil sie nicht gelernt haben, mit ihren Neigungen und Konflikten umzugehen bzw. sie zu lösen. Viele Kinder haben nicht das Zuhause, wo ihnen Werte, Konfliktbewältigungen vorgelebt werden. Ein mühsames, aufwendiges Thema. Es gilt zu handeln, dem mit gezielten Präventionen entgegenzutreten, einen Ausgleich zu schaffen.
Ich fordere Gleichstellung aller Kinder, nicht nur, was Bildung betrifft, bessere soziale Ausbildung von Erziehungspersonen, Erzieherinnen in Kindergärten, Lehrern an Schulen, Präventionen und Konfliktbewältigung ab Kindergarten und als Pflichtfach ab der ersten Klasse Grundschule, mehr Kontrolle der Jugendämter in Familien sowie Selbstkontrolle der Jugendämter überhaupt, bessere Ausbildung der Sozialarbeiter, finanzielle Mittel für mehr Aufklärung in den Medien, mehr Anlaufstellen, an die sich Kinder und Erwachsene wenden können, wenn sie Probleme haben, wenn sie Gewalt von außen oder abnorme Veranlagungen bei sich selbst erfahren, Bekanntgabe dieser Anlaufstellen breit gefächert in den Medien, Kindergärten und Schulen.
Wenn junge Menschen bei sich selbst feststellen, dass sie abnorme Veranlagungen haben: mit wem können sie darüber reden? Wo gibt es Ansprechpartner, denen sie vertrauen können? Wenn solche (zu rar) vorhanden sind: Wie können sie diese erreichen, wenn sie fast nicht bekannt sind. Es darf nicht übersehen werden, dass es auch Therapeuten gibt, die diesen Problematiken ablehnend gegenüberstehen und die Beratung verweigern. Gerade, wenn es sich um Thematiken im Sexualbereich handelt. Hier ist ein erhöhter Handlungsbedarf festzustellen. Dieses darf kein Tabuthema mehr sein, ein Kind hat auch ein Recht darauf, nicht zum Täter zu werden. Rechtzeitiges Erkennen, Vertrauen schaffen, Ansprechpartner nennen und dieses durch die Medien, Kindergärten und Schulen bekanntmachen, dieses in Präventionen mit einbeziehen.
Wenn Kinder und Jugendliche schon straffällig geworden sind, muss man ihnen klar die Grenzen aufzeigen, nicht eine Bewährungsstrafe nach der anderen verhängen.. Spätestens nach der zweiten Gewalttat zeigt ein Jugendlicher, dass er unbelehrbar ist, nicht bereit ist, in seinem Verhalten etwas zu ändern. Da geht der Schutz von uns, dem Volk, vor.
Unsere Kinder dürfen nicht zu Opfern werden, aber auch nicht zu Tätern. Sie haben ein Recht darauf.
Ich begrüße die Aktion von www.onlinepetitionen.de, weil ich es sehr wichtig finde, im präventiven Bereich zum Schutz unserer Kinder aktiv zu werden.
Mannheim, 12.07.2005
Sigrid Erbe
http://www.susanne-erbe.de/
http://www.fuer-kinder-gegen-gewalt.de/ |